Deutscher Gewerkschaftsbund

Berlin-Brandenburg

Ausbildungsreport 2016 der DGB-Jugend Berlin-Brandenburg

11. Ausbildungsreport Berlin-Brandenburg

Überstunden, ausbildungsfremde Tätigkeiten und hohe Belastungen durch Zeit– und Leistungsdruck, schlechte Lage der Arbeitszeiten sowie mangelhaften Arbeitsschutz - Unser mittlerweile elfter Ausbildungsreport zeigt einmal mehr auf, dass die Ausbildungsbedingungen in Berlin und Brandenburg bei weitem nicht so rosig sind, wie es von Arbeitgebern und Kammern gern suggeriert wird.

Der Zugang zu einer dualen Berufsausbildung, aber auch eine qualitativ hochwertige duale Berufsausbildung selbst sind entscheidend für einen gelungenen Einstieg in den Arbeitsmarkt und damit für soziale sowie gesellschaftliche Teilhabe. Für den DGB und die DGB-Jugend stehen daher einerseits die Situation des Ausbildungsmarktes und andererseits die Frage nach Ausbildungsqualität und Rahmenbedingungen von Berufsbildung im Mittelpunkt ihrer bildungspolitischen Agenda.

Der Ausbildungsmarkt in Berlin-Brandenburg

Der Ausbildungsmarkt in Berlin-Brandenburg ist in einer widersprüchlichen Lage, mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen, die unterschiedliche Ansätze erfordern.

In Berlin gibt es weiterhin viel zu wenige Ausbildungsplätze und die Ausbildungsbeteiligung der Betriebe ist auf einem erschreckend niedrigen Niveau. Berlin ist eine wachsende Stadt, in der Beschäftigung zunimmt. Dies bildet sich leider nicht am Ausbildungsmarkt ab. Die Anzahl der zur Verfügung stehenden Ausbildungsplätze sowie die Ausbildungsbeteiligung insgesamt werden für den neuen Berliner Senat die zentralen Themen sein, die es dringend anzugehen gilt. Die Einführung von Jugendberufsagenturen sowie die Einführung einer Ausbildungsabgabe zunächst im Bereich der Altenpflege sind erste Schritte in die richtige Richtung.

In Brandenburg hingegen finden wir eine andere Situation vor: Es sind noch Ausbildungsplätze zu besetzen. Hier werden langsam die Auswirkungen des demographischen Wandels sichtbar. Diese Aussage lässt sich aber nicht für ganz Brandenburg verallgemeinern. Gerade Jugendliche mit guten Schulabschlüssen absolvieren eine Berufsausbildung nicht in Brandenburg. Insbesondere junge Menschen aus dem Speckgürtel Berlins ziehen in der Regel für eine Berufsausbildung auch nach Berlin, was die Lage am dortigen Ausbildungsmarkt nicht einfacher macht. Im Süden Brandenburgs wird die wirtschaftliche Sogkraft Sachsens spürbar. Andererseits wirkt sich eine allgemeine Strukturschwäche in den Brandenburger Peripherien (z.B. in der Uckermark) auch auf den Ausbildungsmarkt aus.

Wenn in Berlin und Brandenburg Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben, dann oft in den Branchen, die vom DGB und seinen Gewerkschaft seit Jahren besonders heftig für ihre Ausbildungsbedingungen kritisiert werden. Wenn dann gerade in den Branchen ein drohender Fachkräftemangel befürchtet wird, ist dieser in erster Linie hausgemacht. Jugendliche in Berlin und Brandenburg deswegen als „nicht ausbildungsreif“ und „unmotiviert“ abzuqualifizieren, weist der DGB entschieden zurück. Im Gegenteil: Gute Rahmenbedingungen und hohe Qualität sind wichtige Faktoren für die Attraktivität von Berufsausbildung.

Wir müssen außerdem weiterhin eine Zwei-Klassen-Gesellschaft am Ausbildungsmarkt feststellen. Junge Menschen mit einfachen bzw. mittleren Schulabschlüssen, junge Frauen sowie Jugendliche mit Migrationshintergrund werden am Ausbildungsmarkt benachteiligt und landen überdurchschnittlich häufig in Maßnahmen des sogenannten Übergangssystems. Diese Personengruppen müssen stärker in den Blick genommen und ein Zugang dieser Personengruppen zu einer dualen Berufsausbildung verbessert werden.

Qualität und Rahmenbedingungen

Die hohe allgemeine Zufriedenheit der von uns befragten Auszubildenden mit ihrer Berufsausbildung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es nach wie vor breit gestreute qualitative Mängel gibt, die es zu beheben gilt. Trotz eindeutiger gesetzlicher Vorgaben bzw. unmissverständlicher Regelungen in den Ausbildungsordnungen gibt es keine Branche, in denen es zu keinen Verstößen kommt: Ausbildungsfremde Tätigkeiten, Führung des Berichtshefts außerhalb der Arbeitszeiten, Nacharbeiten des Berufsschulunterrichts entgegen der Freistellungsregeln im Berufsbildungsgesetz, nicht ausgeglichene Überstunden, rauer Umgang mit den Auszubildenden etc..

Da es über das Berufsbildungsgesetz, das Jugendarbeitsschutzgesetz sowie der allgemeinen Arbeitsgesetzgebung ein starkes Schutzsystem für Auszubildende gibt, ist die Kontrolle der Ausbildungsbedingungen sowie die strikte Ahndung von Verstößen durch die zuständigen Stellen ein entscheidender Punkt. Diese muss sich insgesamt verbessern. Die zur Verfügung stehenden Instrumente der Arbeitnehmer-Mitbestimmung in den Berufsbildungs-Gremien der Kammern sollten besser genutzt und insgesamt ausgebaut werden. Die Zuweisung der Kontrollfunktion an eine arbeitgebernahe Vereinigung wird vom DGB nach wie vor kritisch gesehen. Zumindest sieht der DGB hier die zuständige Aufsichtsbehörde in der Pflicht, auf eine Verbesserung der Kontrolle hinzuwirken. Aber auch die schlechte personelle Situation in der für die Kontrolle des Jugendarbeitsschutzes zuständigen Behörden gibt Anlass zur Sorge. Hier zeigt sich, wie die Sparpolitik der letzten Jahre im Endeffekt auf dem Rücken minderjähriger Auszubildender ausgetragen wird.

Einmal mehr ist herausgekommen, dass beim Vorhandensein von Tarifverträgen bzw. betrieblicher Mitbestimmung die Ausbildungsbedingungen besser bewertet werden. Auch mit steigender Betriebsgröße nimmt die Zufriedenheit von Auszubildenden zu. Angesichts der sehr kleinteiligen Betriebsstruktur in beiden Bundesländern wird hier eine weitere Stellschraube deutlich: Gerade kleine und Kleinstbetriebe müssen sowohl bei der Suche nach Azubis aber auch bei der Durchführung von Ausbildung besser unterstützt werden.

Sonderthema: Belastungen in der Ausbildung

Mit seinem Schwerpunkt greift der Ausbildungsreport 2016 die Thematik der psychischen Belastungen in der Ausbildung auf. Dazu wurden zusätzliche Fragen in die Erhebung aufgenommen, die Hinweise auf spezifische Belastungen liefern, sowie einen Eindruck von der gesundheitlichen Situation der Auszubildenden vermitteln. Darüber hinaus wird der Frage nachgegangen, inwiefern Aspekte der fachlichen Qualität und struktureller Rahmenbedingungen der Ausbildung Einfluss auf die subjektiv empfundenen Belastungen und die gesundheitliche Situation der Auszubildenden haben. Die Befunde machen deutlich, dass schon Auszubildende durch Zeit- und Leistungsdruck, schlechte Lage der Arbeitszeiten, mangelnde Arbeitsschutzmaßnahmen oder auch lange Fahrtzeiten in hohem Maße belastet werden. Erschöpfungszustände, hohe Krankheitsanfälligkeit und Gedanken an einen Ausbildungsabbruch sind die Folgen. Dabei wird vor allem der Zusammenhang zwischen schlechter Ausbildungsqualität und hohen Belastungen deutlich.

Die Ergebnisse zeigen, dass über eine hohe Ausbildungsqualität und adäquate Arbeitsgestaltung psychische Belastungen und Beanspruchungen in der Ausbildung reduzieren werden können. Dazu muss nicht das Anforderungsniveau der Ausbildung gesenkt werden. Vielmehr gilt es, über einen ganzheitlichen Arbeitsschutz und eine durchdachte Arbeitsorganisation sicherzustellen, dass die Auszubildenden nach für sie stressigen Phasen auch genügend Zeit und Gelegenheit zur Erholung finden und dadurch Belastungen zu vermeiden. Zudem verdeutlichen die Ergebnisse des Ausbildungsreports bereits seit vielen Jahren, dass auch bei den Themen Arbeitszeit und Überstunden zum Teil noch erhebliche Verbesserungspotenziale bestehen deren Nutzung zur Reduzierung der psychischen Belastung der Auszubildenden beitragen könnte.

Zunächst sollte der in der Ausbildung bestehende Leistungs- und Zeitdruck durch technische oder organisatorische Maßnahmen reduziert werden. Ergänzend dazu kann es notwendig sein, betriebliche und individuelle Ressourcen zu erschließen, die es den Auszubildenden ermöglichen, diese Situationen zu bewältigen, ohne dass sie zur dauerhaften Belastung für sie werden. Ein gutes Arbeitsklima und eine gelebte betriebliche Unterstützungskultur können dazu ebenso beitragen, wie eine fachliche Anleitung, die die Auszubildenden motiviert, sie unterstützt und ihnen jene Kompetenzen vermittelt, die es Ihnen ermöglichen, die an sie gestellten Aufgaben zu bewältigen.

Den Report sowie ein Factsheet mit den wichtigsten Zahlen im Überblick gibt es hier als PDF zum Download. Bei Nachfragen steht Ihnen David Fischer (david.fischer@dgb.de) als Ansprechpartner zur Verfügung.