Deutscher Gewerkschaftsbund

Berlin-Brandenburg

Ausbildungsreport 2022

Ausbildungsreport 2022

©DGB-Jugend-Berlin-Brandenburg

 

 

Ausbildungsreport 2022: (K)eine Besserung in Sicht?

Mängel in Ausbildung und Berufsorientierung

Jeder dritte Azubi macht regelmäßig Überstunden, nur jeder Vierte bleibt von Tätigkeiten verschont, die nicht dem Ausbildungszweck dienen und lediglich drei von vier Auszubildenden kennen ihren betrieblichen Ausbildungsplan. Zwar hält die Mehrheit der Berlin-Brandenburger Ausbildungsbetriebe gültige Rechtsvorschriften ein, der Anteil an Rechtsbrüchen ist jedoch nahezu unverändert hoch. Das geht aus dem 16. Ausbildungsreport der DGB-Jugend Berlin-Brandenburg hervor, der heute in Berlin vorgestellt wurde. Für die vorliegende Erhebung hat die DGB Jugend Berlin-Brandenburg im Zeitraum von September 2020 bis Anfang Mai 2022 rund 1200 Berliner und knapp 600 Brandenburger Auszubildende im Rahmen ihrer Berufsschultour befragt.

„Gute Ausbildungsbedingungen sind leider keine Selbstverständlichkeit“, bilanziert Jim Frindert, Bezirksjugendsekretär des DGB Berlin-Brandenburg. „Seit der Erstveröffentlichung unseres Ausbildungsreportes im Jahr 2005 weist die DGB-Jugend vergeblich auf die zahlreiche Missachtung sämtlicher Rechtsvorschriften hin. Von wenigen Einzelfällen kann bedauerlicherweise keine Rede sein. Aufgrund des niedrigen Ausbildungsplatzangebotes sind viele Azubis froh, überhaupt einen Ausbildungsplatz zu haben. Folglich nehmen sie es eher in Kauf, um ihre Rechte geprellt zu werden - eine verzwickte Situation“, so Frindert. Die verantwortlichen Kontrollinstanzen seien gefordert „ihre Bemühungen zu intensivieren und Verstöße der Betriebe konsequent zu bestrafen.“. Allen Bewerber*innen, die aktuell auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind, rät er: „Es ist wichtig darauf zu achten, dass der künftige Ausbildungsbetrieb einer Tarifbindung unterliegt und eine Jugend- und Auszubildendenvertretung oder ein Betriebs- bzw. Personalrat existiert. Unser Report zeigt: In solchen Betrieben, herrschen die besten Ausbildungsbedingungen vor.“

Angesichts des Fachkräftemangels sei der Umgang mancher Betriebe mit den Fachkräften von morgen „absolut nicht nachvollziehbar“, sagt die stellvertretende Vorsitzende des DGB Berlin-Brandenburg, Nele Techen. „Fachkräfte fallen nicht vom Himmel. Wer sie braucht, muss attraktive Berufs- und Lebenschancen bieten. Das gilt selbstverständlich auch schon in der Ausbildung.“. Der langjährige Negativtrend auf dem Ausbildungsmarkt in der Metropolregion Berlin-Brandenburg stelle eine ernstzunehmende Gefahr für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung dar: „Der Ausbildungsmarkt hat sich nach dem Corona-Schock zwar wieder leicht erholt, befindet sich aber insgesamt in einer Abwärtsspirale. Zwischen den Jahren 2000 und 2021 ist die Anzahl neuer Ausbildungsverhältnisse in Berlin um über 37 Prozent und in Brandenburg gar um fast 50 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig ist der Fachkräftebedarf nach wie vor enorm. Der Wirtschaft gelingt es schlichtweg nicht, die reale Fachkräftenachfrage zu bedienen. Eine wirkliche Trendwende kann nur mit der Einführung einer Ausbildungsumlage gelingen. Durch eine solidarische Verteilung der Ausbildungskosten unter allen Unternehmen – wie aktuell bereits im Baugewerbe – werden Ausbildungsbetriebe entlastet und Maßnahmen zur Verbesserung der Ausbildungsqualität und -attraktivität ermöglicht.“.

Als Schwerpunktthema beleuchtet der Ausbildungsreport 2022 den Zugang zu Ausbildung und Berufsorientierung. Die schulische Berufsorientierung schnitt in der Befragung schlecht ab: Über zwei Drittel (70 Prozent) der Befragten gaben an, dass ihnen die Angebote an der Schule kaum bei der Berufswahl geholfen haben. Nicht einmal ein Drittel (32,5 Prozent) der Befragten haben die Berufsberatung der Agentur für Arbeit genutzt. Insgesamt gaben 12 Prozent der Azubis an, dass ihnen ihr Ausbildungsplatz durch die Agentur für Arbeit vermittelt wurde. Ein Einflussfaktor auf die Beurteilung und Nutzung der Berufsorientierungsangebote stellt das Bildungsniveau dar. Je niedriger das formale Bildungsniveau, desto häufiger wurden Angebote der Agentur für Arbeit genutzt und diese bzw. die Angebote der schulischen Berufsorientierung als Hilfreich empfunden. „Berufsorientierung muss systematisch, lückenlos, ganzheitlich und diskriminierungssensibel sein und junge Menschen vollumfängliche Beratung und Begleitung beim Übergang von der Schule in den Beruf bieten. Knapp ein Drittel der Azubis haben ihren Ausbildungsbetrieb bereits in der Schulzeit kennengelernt, was die Bedeutsamkeit von Schulpraktika unterstreicht. Dabei ist wichtig, dass diese klaren Qualitätsstandards unterliegen. Junge Menschen müssen bestmöglich auf die Arbeitswelt vorbereitet werden. Dies beinhaltet, nicht nur Informationen über den Inhalt möglicher Berufe zu vermitteln, sondern auch über die darin existierenden Arbeitsbedingungen. Nur die wenigsten Auszubildenden kennen ihre Rechte und wissen sich im Zweifel zu helfen. Das muss sich ändern!“, betont Jim Frindert. 

Nur knapp 33 Prozent fanden eine Ausbildung im Wunschberuf. 35 Prozent konnten sich zwischen mehreren interessanten Berufen entscheiden. Fast jeder vierte Azubi allerdings musste eine nicht geplante berufliche Alternative akzeptieren (24 Prozent) oder sich mit einer reinen Notlösung zufriedengeben (9 Prozent). „Nirgends ist das Ausbildungsangebot so knapp, wie in Berlin und auch in weiten Teilen Brandenburgs herrschen Berliner Verhältnisse. Das liegt unter anderem daran, dass die Ausbildungsbeteiligung der Betriebe in beiden Ländern bundesweit Schlusslicht ist. Alle Unternehmen sind auf gut ausgebildete Fachkräfte angewiesen. Warum sollten sich also nicht auch alle Betriebe an der Fachkräftequalifizierung beteiligen?“, unterstreicht Frindert die Forderung nach einer Ausbildungsumlage.

Zwar sind insgesamt 72 Prozent der Auszubildenden mit ihrer Ausbildung mindestens zufrieden, allerding können nur knapp 40 Prozent der Auszubildenden gegen Ende ihrer Ausbildung eine klare Empfehlung für die Ausbildung im eigenen Betrieb aussprechen. Wie in den Vorjahren gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Branchen: Die höchste Zufriedenheit mit ihrer Ausbildung berichten die Azubis aus den Berufen Mechatroniker*in/Elektroniker*in (86 Prozent), Metallbauer*in/Industriemechaniker*in (85 Prozent), Fahrzeug Mechatroniker*in (81 Prozent) und Chemieberufen (80 Prozent). Am wenigsten zufrieden sind Azubis aus den Hotel- und Gastronomieberufen (61 Prozent), den Einzelhandels-/Verkaufsberufen (60 Prozent) sowie die Köche/Köchinnen (59 Prozent).

Die DGB-Jugend bietet über das Online-Portal www.doktor-azubi.de Rat und Hilfe für Auszubildende. Von entscheidender Bedeutung ist aber, die Zahl der Ausbildungsplätze zu steigern. Wenn die Auszubildenden mehr Auswahl haben, müssen sie sich schlechte Ausbildung nicht länger gefallen lassen. Deswegen sagen wir: Her mit Ausbildungsumlagen wie in der Bauwirtschaft.