Deutscher Gewerkschaftsbund

Berlin-Brandenburg

Deswegen kommen wir zu euch

Die DGB-Jugend auf Berufsschultour

Seit 2002 ist die DGB-Jugend mit ihrem Projekttag „Demokratie und Mitbestimmung“ jedes Jahr auf Berufsschultour und informiert junge Menschen über ihre Rechte in der Ausbildung. Wir haben fünf Aktive der DGB-Jugend Berlin-Brandenburg nach Potsdam begleitet und gesehen: Schon im ersten Lehrjahr ist der Beratungsbedarf bei vielen Azubis groß. Überstunden und Verstöße gegen den Jugendarbeitsschutz sind in manchen Betrieben an der Tagesordnung.  

Eine Reportage von Timm Steinborn 

Kurz nach 6.30 Uhr auf einem Hinterhof der Berliner Keithstraße, gleich neben dem Sitz des DGB-Bezirks Berlin-Brandenburg. Es ist noch dunkel. Und es ist kalt an diesem Novembermorgen. Nur wenige Wagen stehen bereits auf dem Parkplatz des Bürogebäudes. Licht kommt nur von wenigen matten Lampen und vom Schein der Neon-Leuchten im nahen Parkhaus. Ein junger Mann beugt sich in die Fahrertür eines roten Transporters und programmiert ein Navi. „Die Route wird berechnet“, meldet die Computerstimme des Geräts. David zieht die Wollmütze über die Ohren, klettert aus dem Transporter heraus, schlägt die Tür zu und reicht mir die Hand: „Guten Morgen. Du begleitest uns heute?“ Er ist einer der ehrenamtlichen Mitarbeiter der DGB-Jugend Berlin-Brandenburg, die heute zur „Berufsschultour“ zum Oberstufenzentrum (OSZ) „Johanna Just“ nach Potsdam aufbrechen. 

Auch Franziska steht bereits am Bus, kurz darauf treffen Maria, Katha und Sophie ein. Alle fünf studieren, alle sind von der DGB-Jugend als ehrenamtliche „Teamer“ für die Berufsschultouren ausgebildet. Zigaretten werden gedreht und die Arbeitsteilung besprochen. Zwei müssen den Infostand betreuen, der in der Regel auf dem Schulhof aufgebaut wird. Den Job der so genannten Hof-Teamer übernehmen heute David und Katha. Die anderen werden in die Klassen gehen und den Projekttag „Demokratie und Mitbestimmung“ leiten (siehe Kasten): Sechs Schulstunden rund um Azubi-Rechte, Mitbestimmung und die Rolle von Arbeitgebern und Gewerkschaften. 

Die fünf teilen sich auf den Transporter und einen weiteren Wagen auf. „Gemeinsam gewinnen“ steht in großen Lettern auf dem roten Bus. Es ist der Slogan der DGB-Jugend. Und es ist das, was die fünf den Auszubildenden des OSZ „Johanna Just“ vermitteln wollen. Die Fahrt nach Potsdam beginnt. 

Politischer Tante-Emma-Laden

Eine knappe halbe Stunde später parkt der Bus der DGB-Jugend auf dem Hof des OSZ „Johanna Just“. David kennt die Schule bereits von früheren Berufsschultouren. „Am besten gehen wir mit dem Stand ins Foyer“, sagt er. „Die haben hier zwar einen riesengroßen Schulhof, da geht aber fast nie einer drauf.“ Katha und er klettern in den Bus. In Fächern und Kartons zu beiden Seiten der Ladefläche stapeln sich Info-Material und Give-Aways – ein politischer Tante-Emma-Laden auf Rädern. David und Katha packen zusammen, was die Auszubildenden der „Johanna Just“ interessieren könnte: Broschüren der DGB-Jugend rund ums Thema Ausbildung, Kugelschreiber, Feuerzeuge, Flyer und natürlich den mobilen Infostand. Sophie, Maria und Franziska sind schon in den Klassen – die erste Stunde steht an. Am OSZ „Johanna Just“ lernen vor allem Azubis aus dem Hotel- und Gaststättengewerbe sowie aus Gesundheits- und Sozialberufen. Die Teamerinnen machen den Projekttag heute mit angehenden Köchen, Fachkräften fürs Gastgewerbe und Hotelfachleuten.

Währenddessen steigt David mit einer schweren Kiste die Treppe zu einem Seiteneingang des Schulgebäudes aus dem 19. Jahrhundert hoch. Er stellt die Tür mit der Kiste auf und geht weiter ins Foyer – eine Säulenhalle mit einer großen Steintreppe. Eins der wichtigsten Utensilien für den Tag hat er schon in eine Ecke der Eingangshalle untergebracht: die Kaffeemaschine.

Gutes Verhältnis zu den Schulen

„Früher haben wir auch Kaffee an die Auszubildenden verteilt“, erzählt David. Das sei heute nur noch selten erlaubt – seit die meisten Kantinen privatisiert sind und die Betreiber sich um ihre Einnahmen sorgen. „Zumindest für uns können wir heute Kaffee kochen“, sagt David. Auch Musik haben die Teams früher auf den Schulhöfen gespielt, erzählt David, während er den Infostand aus Pappe aufbaut. Heute nicht mehr. „Viele Schulen haben sich beschwert, weil zeitgleich noch der Unterricht lief.“ Er könne die Schulen aber verstehen. „Wir wollen einerseits die Jugendlichen möglichst gut erreichen und sind andererseits auf ein gutes Verhältnis zu den Schulen angewiesen.“

3.300 Teilnehmer allein in Berlin und Brandenburg

Denn mit denen arbeitet die DGB-Jugend bei den Berufsschultouren gut zusammen. Mehrere Monate sind die Ehrenamtlichen unterwegs. „In manche Schulen kommen wir schon seit Jahren. Da müssen wir kaum noch für den Projekttag werben“, erzählt David. Bei anderen schon: Alle Berufsschulen im Bezirk Berlin-Brandenburg schreibt das Team der DGB-Jugend vor einer „Berufsschultour“ an. Mit Erfolg: Wer sich für den Projekttag interessiert, kann die Teamer der DGB-Jugend in seine Klasse einladen. Allein 53 Schulen besuchen die Ehrenamtlichen des Bezirks Berlin-Brandenburg in diesem Jahr und führen dabei in 153 Klassen Projekttage mit rund 3.300 Berufsschülerinnen und -schülern durch.

8.45 Uhr. Der Stand ist aufgebaut, das Infomaterial liegt aus. Bisher war es ruhig im Foyer. Jetzt wird es schlagartig voll. Jugendliche – alle etwa zwischen 15 und 19 Jahren – eilen durch Gänge und Treppenhäuser auf dem Weg zur nächsten Schulstunde. Für den Infostand haben die meisten beim schnellen Raumwechsel kaum einen Blick übrig. Zwei Berufsschülerinnen bleiben trotzdem bei Katha stehen. „Können wird das einfach so mitnehmen?“, die Auszubildende deutet auf eine Broschüre. „Ja klar“, antwortet Katha und bietet noch weiteres Infomaterial an. Die beiden Berufsschülerinnen stecken die Broschüren ein und gehen.

Ob die beiden ein konkretes Anliegen hatten, will ich wissen. „Nein“, sagt Katha. „Die kommen am Anfang selten mit konkreten Fragen.“ Vielmehr würden viele erst einmal in Ruhe das Material lesen und dann vielleicht in einer späteren Pause noch einmal wieder kommen. „Hier steht ja auch nicht ein großes Schild ‚Hast du ein Problem? Wir helfen!‘“, sagt Katha. 

"Es geht um einen ersten Kontakt"

„Es geht mehr um einen ersten Kontakt. Und dann kann man über ein, zwei Nachfragen oft ins Gespräch kommen. Die Auszubildende hat zum Beispiel unsere Broschüre 'Ausbildung, schwanger - und jetzt?' mitgenommen. Die geht immer sehr gut weg.“ 

Die nächste Stunde fängt an, das Foyer leert sich. „Zwischen den Pausen ist am Stand in der Regel nicht viel los“, erzählt Katha. Manchmal würden Lehrer Fragen zu Azubi-Rechten und Mitbestimmung im Unterricht vorbereiten und ihre Klasse dann am Infostand vorbeischicken, erzählt Katha. „Aber heute anscheinend nicht.“

Kurz nach 9 Uhr. Zwei Frauen kommen die Treppe zur Eingangshalle hoch, steuern auf den Stand zu und begrüßen David und Katha. Es sind Angelika Bogs und Katrin Henning, zwei hauptamtliche Mitarbeiterinnen der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. Auch das gehört zur Berufsschultour: Wenn es sich organisieren lässt, ist die zuständige Fachgewerkschaft mit vor Ort, um die Auszubildenden passgenau beraten zu können. Im Fall der Azubis aus dem Hotel- und Gaststättengewerbe ist das die NGG.

Azubis zum Putzen eingesetzt

„Eine Geschichte darüber schreiben?“, fragt Katrin Henning, als ich mich vorstelle. „Das wird aber keine schöne Geschichte. Vieles, worüber man sonst nur in der Zeitung liest, ist in den Berufen, die wir betreuen, leider traurige Realität.“ Auch die Kolleginnen der NGG haben Infomaterial mitgebracht und bauen ihren Stand neben dem der DGB-Jugend auf. Mit im Gepäck: Informationen zu den Ausbildungsplänen aus dem Hotel- und Gaststättenbereich – zum Beispiel für angehende Köchinnen und Köche. „Da steht genau drin, was sie bis zur Prüfung am Ende ihrer Ausbildung im Betrieb alles gemacht und gelernt haben sollten“, erklärt Angelika Bogs: „Die Betonung liegt dabei oft auf ‚sollten‘. Viele werden von Anfang an wie normale Arbeitnehmer behandelt und oft für einfache Tätigkeiten wie Spülen oder Putzen eingesetzt.“

Das habe gerade in Berlin und Umgebung schon eine gewisse Ironie, meint Katrin Henning. „Berlin will Tourismushauptstadt sein und die, die dafür arbeiten sollen, werden mit schlechten Arbeitsbedingungen verprellt.“ Es sei kein Wunder, dass die Hotel- und Gaststättenberufe beim jährlichen Ausbildungsreport der DGB-Jugend regelmäßig die letzten Plätze belegen.

"Musst du als Azubi Überstunden machen?"

Manchmal ist es schwer, mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen“, sagt David. „So ein Infostand wirkt oft wie ein umgekehrter Magnet. Und wir wollen ja auch nicht zu offensiv auf die Jugendlichen zugehen.“ Das ist heute aber auch gar nicht nötig: Die Kolleginnen von der NGG haben kurz vor der Pause noch ihr „Glücksrad“ aufgebaut. Jedes Feld des Rades enthält Frage. „Musst du als Azubi Überstunden machen?“ oder „Gibt es in Deutschland einen gesetzlichen Mindestlohn?“ sind nur zwei der insgesamt sechzehn Felder. Gleich mehrere Schülergruppen bleiben stehen. Auch, wenn sie das Glücksrad oft etwas widerwillig drehen – über die Antwort auf die Glücksrad-Frage kommen sie mit den Gewerkschafterinnen in Kontakt. Lehrerinnen und Lehrer bleiben stehen, nehmen sich Infomaterial mit. „Und? Benehmen sich unsere Schüler?“, fragt eine Lehrerin und lächelt. Eine andere sucht am NGG-Stand nach einer ganz bestimmten Broschüre: „Die hatten sie beim letzten Mal dabei. So ein Glossar mit Fachbegriffen. Die war sehr nützlich für die Schüler.“ Die Kolleginnen von der NGG wissen, welche Broschüre gemeint ist. „Die suchen wir raus und bringen sie beim nächsten Mal wieder mit“, versprechen sie.

Ob es für die Gespräche mit den Auszubildenden eine besondere Taktik gebe, frage ich die Kolleginnen der NGG. „Man muss sie einfach nur als gleichberechtigte Gesprächspartner ernst nehmen. Von oben herab werden sie oft genug behandelt.“ Eine junge, zierliche Auszubildende nähert sich schüchtern dem Infostand. Sie ist angehende Hotelfachfrau – ihr Wunschberuf, sagt sie. Katrin Henning lächelt sie an: „Schön. Herzlichen Glückwunsch. Find‘ ich klasse. War es schwierig, den Ausbildungsplatz zu bekommen?“ Die Auszubildende nickt. „Das glaube ich“, sagt Katrin und macht eine kurze Pause. „Kennst du eigentlich deine Rechte in der Ausbildung?“

10 Uhr. Die drei Teamerinnen aus den Klassen treffen sich am Infostand mit den NGG-Mitarbeiterinnen. „Wir mussten das Programm umstellen“, erklärt Maria. „Wir hängen total im Plan.“ Kein Wunder. 32 Auszubildende haben sie und Franziska in der Gruppe – zwei Klassen gemeinsam in einem Raum. „Da ist die Gruppendynamik dann manchmal größer als das Interesse. Aber wir sind ja flexibel“, sagt Maria und lächelt. Bis etwa 11 Uhr soll in beiden Klassen der so genannte „Problempart“ durchgesprochen sein: Die Teamerinnen fragen die Jugendlichen, welche Probleme sie bereits in ihrer Ausbildung hatten und sammeln die Antworten auf einer Tafel. Angelika Bogs und Katrin Henning werden später bei ihrem Besuch in den Klassen darauf eingehen.

"Meine Lieblinge sind die Metallbauer"

Als die Teamerinnen wieder in den Klassen sind, dreht sich das Gespräch am Stand um die nicht ganz einfache Unterrichtssituation bei Maria und Franziska. „Meine Lieblinge sind die Metallbauer, die Gleisbauer und die Tiefbauer“, sagt Katha. „Die machen richtig mit, da ist immer was los.“ Was denn in den Klassen gar nicht gut ankommt, frage ich. „Klassenkampf-Rhetorik trifft meistens nicht die Realität im Betrieb“, meint David und die anderen nicken. „Wir müssen sie eher sensibilisieren für ihre eigenen Bedürfnisse“, sagt Katrin Henning.

Kurz vor 11 Uhr. Angelika Bogs und Katrin Henning müssen gleich in die Klassen und packen das wichtigste Material zusammen. Von den Teamerinnen wissen sie bereits die meist genannten Themen beim „Problempart: Arbeitszeit, das Ausfüllen der Berichtshefte und der Ausbildungsplan. „Die Klassiker“, sagt Angelika Bogs, während sie einen Stapel Muster-Ausbildungspläne für Köche, Fachkräfte im Gastgewerbe und Hotelfachleute greift. „Die kennen viele gar nicht“, sagt sie. 

"Ihr müsst eure Rechte einfordern"

Dann geht es über die große Steintreppe zwei Etagen nach oben in die Klasse von Maria und Franziska. Ein großer Stuhlkreis mit den 32 SchülerInnen füllt den Raum aus. Trotz der ungewohnten Unterrichtssituation und des umgeschmissenen Projektplans haben Maria und Franziska den „Problempart“ souverän durchbekommen. Die drei Stichworte „Überstunden“, „Berichtsheft“ und „ausbildungsfremde Tätigkeiten“ führen die Liste an der Tafel an. 

„Hallo, wir sind Angelika und Katrin von eurer zuständigen Fachgewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten“, Katrin Henning stellt sich vor die Klasse, einen Ausbildungsrahmenplan in der Hand. „Haben den alle zu Beginn ihrer Ausbildung bekommen?“ Einige Ja-Rufe, viele Nein-Rufe. Katrin Henning erklärt, warum der Ausbildungsplan so wichtig ist. „Ihr müsst einfordern, dass ihr auch macht, was da drin steht. Das müsst ihr nach drei Jahren zu eurer Prüfung können. Euer Chef ist nicht der, der dann durch die Prüfung fällt.“ Deshalb sei es auch so wichtig, das Berichtsheft, in das die Tätigkeiten des Tages geschrieben werden, wahrheitsgemäß auszufüllen. „Wenn ihr den ganzen Tag nur putzen müsst, dann schreibt ihr das da auch rein. Wenn ihr später Schwierigkeiten mit dem Prüfungsstoff bekommt, weil ihr im Betrieb nichts gelernt habt, sehen die Prüfer dann an eurem Berichtsheft, dass ihr das gar nicht lernen konntet.“ Einige gelangweilte, einige erstaunte Blicke: Die Chefs wissen sehr genau, dass sie ihren Azubis ausbildungsfremde Tätigkeiten zumuten. Das zeigen die Nachfragen: Beim einen wird das Heft wöchentlich kontrolliert „und wenn ich da reinschreibe, dass ich immer dasselbe gemacht habe, gibt’s Ärger.“ Ein anderer ist vom Betrieb angehalten, nur sehr vage Oberbegriffe ins Berichtsheft einzutragen – dahinter verbirgt sich dann oft doch nur der Abwasch.

Abmahnungen wegen Nichtigkeiten

„Wer ist noch in der Probezeit? Mal die Hand hoch“, fragt Katrin Henning in die Runde. Es sind zwei Klassen aus dem ersten Lehrjahr, über die Hälfte meldet sich. „Auch für euch sind wir da, aber in der Probezeit unternehmt ihr bitte noch gar nichts. Da kann man sich nämlich noch sehr leicht voneinander trennen. Nach der Probezeit können wir dann sofort gemeinsam schauen, was wir tun können.“

Nächstes Problem: Überstunden. „Wer von euch ist unter 18?“, fragt Katrin Henning. Viele melden sich. „Alle unter 18 Jahren dürfen keine Überstunden machen“, erklärt die Gewerkschafterin. „Geil“, ruft eine Auszubildende. „Schon passiert“, ein anderer. Im weiteren Verlauf der Stunde zeigt sich: Fast in jedem Ausbildungsbetrieb wird gegen Ausbildungsregeln, in vielen sogar gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz verstoßen. Mehrere Azubis haben wegen Nichtigkeiten bereits Abmahnungen bekommen. „Mein Chef hat nach der Abmahnung gesagt: Wenn ich noch einmal was mache, bin ich sofort weg.“

Den Auszubildenden Mut machen

Nach der Stunde. Angelika Bogs und Katrin Henning stehen im Klassenraum mit zwei Auszubildenden zusammen. Einer arbeitet als Kochlehrling und musste verschiedene Arbeitsmittel selbst vom schmalen Ausbildungsentgelt bezahlen. „Das muss der Betrieb stellen“, erklären die beiden Gewerkschafterinnen unaufgeregt in ruhigem Ton. „Du kriegst dein Geld zurück.“ Vor allem aber müssen Angelika Bogs und Katrin Henning dem Auszubildenden erst einmal Mut machen, sich für die eigenen Interessen einsetzen. Und sie müssen ihm die Sorge nehmen, sein Chef könne ihn deshalb sofort rausschmeißen: „Komm zu uns in die Rechtsberatung“, sagt Angelika Bogs. 

„Viele bekommen zuhause immer nur den Spruch ‚Lehrjahre sind keine Herrenjahre‘ zu hören“, sagt Teamerin Maria, die dem Gespräch zugehört hat. „Die meisten haben die neoliberale Sicht auf die Arbeitswelt schon voll verinnerlicht. Deshalb müssen wir die Balance zur Arbeitsrealität wahren. Wir schildern im Prinzip den Idealfall, müssen aber auch darauf achten, dass die Azubis nicht enttäuscht werden, wenn sich das im Betrieb nicht durchsetzen lässt oder ihnen sogar schadet.“ Für heute hat die Arbeit der Teamerinnen und der NGG-Kolleginnen Wirkung gezeigt: Am Stand ist jetzt richtig was los – und wer sich zunächst nur Infomaterial geholt hat, kommt jetzt für ein Gespräch zurück.

"Bei Beleidigungen ist die Grenze überschritten"

Nächste Stunde, nächste Klasse. Diesmal sind die Gewerkschaftssekretärinnen der NGG bei Teamerin Sophie in einer Klasse mit Hotelfachleuten im ersten Lehrjahr. Auch hier sind die Probleme ähnlich. Aber nicht alle Auszubildende haben eine echtes Problembewusstsein für ihre Ausbildungssituation. Einer der Azubis sieht die Erläuterungen der Gewerkschafterinnen besonders kritisch. Er lehnt er sich in den Stuhl zurück und hebt die Hand. „Ich weiß nicht. Ich meine, man muss ja auch nicht zu sensibel sein und wegen jeder Kleinigkeit gleich anfangen rumzuheulen.“ „Nein, das muss man nicht“, sagt Katrin Henning. „Kritik ist normal. Aber die kann man auch in normalem Ton äußern. Es gibt eine Grenze. Und die ist bei Schreien und bei Beleidigungen überschritten.“ Der Auszubildende wippelt mit dem Stuhl: „Ich mein‘ ja nur.“ 

„Darf meine Chefin mir das Gehalt kürzen, wenn ich mein Berichtsheft vergessen habe?“, fragt eine Auszubildende. Die beiden NGG-Kolleginnen werfen sich einen Blick zu. Es ist nicht das erste Mal, dass sie solche Geschichten hören. „Sie darf dir – egal was passiert – nicht einen Euro von deiner Ausbildungsvergütung kürzen“, erklärt Angelika Bogs.

Auch geschönte Berichtshefte sind in dieser Klasse keine Einzelfälle. „In der ersten Woche habe ich noch die Wahrheit reingeschrieben: Montag putzen, Dienstag putzen, Mittwoch putzen, Donnerstag putzen“, berichtet ein Azubi. „Dann hat mein Chef das gesehen und gesagt, ich soll doch mal ein bisschen was anderes rein schreiben.“ 

Angelika Bogs erklärt, dass Auszubildende Überstunden bezahlt oder zumindest ausgeglichen bekommen müssen. Ein erstauntes Raunen geht durch die Klasse. „Ach so, Überstunden von Azubis auch? Das hat uns unser Personalchef aber anders erklärt“, fasst eine Auszubildende das Erstaunen in Worte. „Vom Betrieb werden euch oft nur eure Pflichten erklärt, nicht eure Rechte“, sagt Angelika Bogs. „Deswegen kommen wir hier zu euch in die Klasse.“

"Was mir fehlt ist ein Dankeschön"

Das Eis ist gebrochen, immer mehr Jugendliche stellen Fragen oder schildern ihre Probleme: Die meisten müssen bereits im ersten Lehrjahr oft alleine und ohne ausgelernte Kollegen im Restaurant oder im Roomservice arbeiten. „Manchmal muss das halt einfach sein, wir sind ja chronisch unterbesetzt“, nimmt ein Azubi seinen Arbeitgeber in Schutz. „Aber als Auszubildende seit ihr zusätzlich da, nicht als reguläres Personal“, erklärt Angelika Bogs und fragt: „Was meint ihr denn, warum ihr chronisch unterbesetzt seit?“ „Weil die Geld sparen wollen“, sagt eine Auszubildende. „Und weil den Job ja keiner mehr machen will“, meint einen andere. Plötzlich meldet sich wieder der kritische Azubi vom Anfang der Stunde. Es wird still, die Klasse schaut ihn an. Auch er fängt an zu erzählen, wie sein Chef mit ihm umgeht. „Ich will ja gar kein Extra-Bienchen. Das einzige, was mir fehlt, ist ab und zu mal ein Dankeschön.“ Katrin Henning nickt.