Deutscher Gewerkschaftsbund

Berlin-Brandenburg

Das Nichtsemester muss ein Solidarsemester werden!

Björn Zentschenko - GEW Studierende Brandenburg

Nichtsemester muss Solidarsemester werden!

@FabianSchmidt/Canva

Die Coronapandemie stellt unsere Gesellschaft und viele Menschen vor große Schwierigkeiten und Herausforderungen. Auch der Raum Hochschule ist davon stark betroffen. Die Hochschulen bereiten sich auf ein digitales Sommersemester vor und Studierende sowie Beschäftige bangen um ihre Finanzierung. Ob BAföG-Empfänger_innen, studentisch Beschäftigte in Kneipen und der Lehre oder Lehrbeauftragte und Forscher_innen. Sie alle stehen gerade vor massiven Veränderungen und finanziellen Schwierigkeiten. In unsere Rubrik Campus News lassen wir gewerkschaftlich organisierte Studierende und Beschäftigte zu Wort kommen: wie sie von der Krise betroffen sind, wie sie das Sommersemester an den Hochschulen angehen und was für Lösungen sie fordern.

Die Coronapandemie stellt einen historischen Einschnitt sondergleichen dar. Während die ersten Interessenvertreter_innen aus Wirtschaft und Politik bereits Lockerungen der Maßnahmen fordern, verhandeln Studierende, Forschende und Lehrende noch um die Gestaltung des Sommersemesters 2020. Fest steht, dass dieses Semester anders wird als jedes Semester davor. Fest steht deshalb aber auch, dass der Hochschulbetrieb nicht wie jedes Semester zuvor gewertet werden kann und darf.  Es braucht Bedingungen und Einigungen zwischen Hochschulleitung, Lehrpersonal und Studierendenschaft, um den Ausnahmezustand, den eine globale Pandemie schafft, wenigstens etwas zu entschärfen.

Die Bezeichnung „Nichtsemester“ suggeriert hierbei, dass das Sommersemester nicht stattfinden soll. Dies ist natürlich falsch. Es geht vielmehr darum, dass das Semester als Solidarsemester empfunden wird, bei dem keine Nachteile für Studierende und Lehrende entstehen. Für studentische Beschäftigte gilt dabei dasselbe wie bei befristeten Arbeitsverträgen von Lehrenden: Eine Verlängerung der Arbeitsverträge um mindestens 6 Monate muss die Absicherung der Beschäftigten sicherstellen. Bafög- und Stipendienzahlungen müssen ohne Anrechnung auf die Höchstförderdauer um 6 Monate verlängert werden, ebenso müssen Zwangsexmatrikulationen ausgesetzt werden. Studierenden, die durch die Covid-19-Pandemie ihren Job verlieren, muss unbürokratisch geholfen werden. Notfonds für in Not geratene Studierende würden gewährleisten, dass Studierende sich ohne Sorge vor Verarmung auf die besonderen Umstände des Sommersemesters vorbereiten können. Dass wirtschaftliche Sachzwänge auch in Zeiten einer globalen Pandemie klassistische Strukturen an Hochschulen forcieren, ist aus gewerkschaftlicher Perspektive nicht hinzunehmen. So sind es vor allem Studierende aus nicht-akademischen Familien, die diese Krise finanziell trifft.

Die Pandemie legt weiterhin offen, wie rückständig deutsche Hochschulen im Bereich der Digitalisierung sind. So wurde beispielsweise an der Universität Potsdam der Belegungszeitraum für Lehrveranstaltungen vom 01. April auf den 20. April verlegt – also sollen Studierende ihre Kurse erst am ersten Tag der Vorlesungszeit belegen können – wie absurd. Es heißt, man wolle damit die technischen Ressourcen schonen. Dass Lehrende wie Studierende nun aber ganzheitlich auf Online-Lehre umstellen müssen, stellt viele erneut vor Herausforderungen: Einerseits Studierende, die (in Isolation oder nicht) zum Teil gar nicht die Mittel haben, Kurse online zu bewältigen, weil es ihnen zum Beispiel an der nötigen Hardware fehlt. Studierende und Lehrende können nicht auf die gesamte Literatur der Bibliothek zugreifen, was vor allem in geisteswissenschaftlichen Studiengängen zu Problemen führt. Naturwissenschaftler_innen können nicht in Labore, um Übungen durchzuführen. Prüfungen aus dem Wintersemester 2019/20 sind noch gar nicht alle geschrieben worden und so soll sich auch nicht der Illusion hingegeben werden, dass das Sommersemester 2020 Normalbetrieb – ‚aber bloß online‘ –  bedeute. Online-Lehre kann nie Präsenzlehre ersetzen – sie müssen beide einander ergänzen, um Lehr- und Lernprozesse erfolgreich zu gestalten.

Das Sommersemester 2020 muss als Solidarsemester verstanden werden, das die Möglichkeiten gibt, das Studium individuell, ohne Zwänge von Studienverlaufsplänen und Leistungspunkterwerb zu gestalten. Prüfungen sollen angeboten werden – doch ob man sie absolviert oder nicht, soll keinen Nachteil bedeuten. Veranstaltungen, die nur im Sommer angeboten werden, sollten möglichst im Wintersemester 2020/21 dennoch erneut angeboten werden. Häusliche Isolation, Quarantäne und Kontaktbeschränkungen sind kein Synonym für ständige Verfügbarkeit. Es wäre verheerend, wenn Lehrende glauben, dass Studierende nun mehr Zeit hätten und demnach mehr Vor- und Nachbereitung in das studentische Selbststudium verlegen können. Die Covid-19-Pandemie ist keine staatlich verordnete Entschleunigung und keine „Chance“. Derartige Romantisierungen gehen an der Realität vorbei. Es handelt sich um eine Ausnahmesituation, die physisch wie psychisch eine enorme Belastung darstellt. Nicht nur, dass Studierende um ihre eigene Gesundheit und die ihrer Nächsten bangen müssen, so birgt die Isolation auch die Gefahr, dass die psychische Gesundheit enorm leidet. Es fehlen soziale Interaktionen, Austausch, das Gefühl von Sicherheit: Selfcare-Mythen von technischer Entschleunigung und „Sich-Selbst-Finden“ in Zeiten von Corona sind gefährliche Annahmen. Gerade vor dem Hintergrund dieser Gefahren darf das Studium mit dem kommenden Semester nicht ein weiterer Faktor werden, der das Wohlergehen der Studierenden aufs Spiel setzt. Das Semester muss zu einem Solidarsemester ausgerufen werden, um jedweden Schaden zu begrenzen.

von Björn Zentschenko, Promotionsstudent an der Universität Potsdam, Mitglied im LASS der GEW Brandenburg

Weitere Links:

https://solidarsemester.de/

https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/sommersemester-soll-nicht-zaehlen/

https://www.deutschlandfunk.de/coronavirus-und-hochschulen-wissenschaftlerinnen-fordern.680.de.html?dram:article_id=473274



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